Craft-Beer – alles was man wissen muss!

Es geht ein Gespenst um in Europa! Am stärksten irrlichtert es in den Großstädten, Ballungszentren und Metropolen des Landes. Bärtige Volltätowierte werden ebenso heimgesucht, wie Familienväter! Weinliebhaber fragen sich heimlich, ob es bei Ihnen spukt! Selbst Zielgruppen-Fremde werden aus den Tagträumen gerissen, von einem Wort, das in aller Kehlen zischt: Craft-Beer!
Traditionalisten fürchten das Ende des Abendlandes Bierlandes Deutschland. Gestandene Bayern sogar das Ende des Reinheitsgebotes. Kurzum: die Bierwelt steht Kopf im Staate Deutschland.

Standen zu Beginn des Trends die Chancen gut, dem internationalen Phänomen noch die kalte Schulter oder ein warmes, unausgespültes Glas zu zeigen, so hat sich aus einem Schneeball inzwischen eine Lawine genährt. Pop-Up Beer-Stores, fertige Degustier-Sets für Anfänger und selbst in München, im Mutterbundesland des lokalen Bieres, gehen über so manchen Tresen die Craft-Biere. Was selbst dem fürwahr dauernörgelnden Bayern (hiermit ist weder ein gewisser H. Seehofer noch der Exil-Berliner in Haidhausen, sondern der waschechte und fussball-leidensgeprüfte Giesinger gemeint) die Kehle benetzt, kann nicht Teufelswerk sein. Wir widmen uns dem Trend und klären auf, was sich hinter so manch illustrer Bezeichnung verstecken mag! An die Gläser, fertig, los – was ist eigentlich dieses Craft-Beer!
 

1. Was ist Craft-Beer?!

Zu den Dingen selbst! Was heißt eigentlich dieses ominöse Craft-Beer? Oder heißt es eigentlich Craft-Bier?
Bemühen wir Google Translate oder das etwas angestaubte Fremdsprachen-Lexikon, so können wir zumindest dem Wort auf den Grund gehen.

Craft Beer (engl). – Bier aus handwerklicher Fertigung und gebraut in einer unabhängigen Brauerei.

Über den Informationsgehalt dieser Übersetzung bzw. Definition lässt sich streiten. Diese Aussage ist nicht nur sehr allgemein gehalten, in gewissen Aspekten ist diese schlicht falsch. Auch wenn die handwerkliche Fertigung ein gern gesehenes Marketing-Versprechen ist, nicht jede Craft-Beer-Brauerei ist ein Einmann-Betrieb in dem der vom Fertigungs-Furor beseelte Hipster mit bloßer Hand in der Maische fischt.
Jenseits dieser Brauerei-Romantik sind auch Craft-Beer-Brauereien hochmoderne Fertigungsbetriebe, in denen modernste Fertigungstechnologie zum Einsatz kommt.

Um dem Begriff „Craft-Bier“ Herr zu werden, sollten wir zwischen zwei unterschiedlichen Definitionen unterscheiden:

 

Craft-Beer in den USA

In der Heimat des „handwerklichen Bieres“ gibt es eine festgelegte und bindende Definition des Trend-Getränks und der jeweiligen Brauereien. Festgelegt durch die Brewers Association, einem Verband mit über 4.000 Brauereien, ist eine Craft-Beer-Brauerei „traditionell, unabhängig und klein“.

Traditionell: Es geht um Bier! Keine Mischgetränke, keine Plörre, keine Zusatzstoffe. Bier besteht aus Wasser, Hopfen, Malz und Hefe. (Dazu muss gesagt sein, in den Staaten gibt es kein Reinheitsgebot)
Unabhängig: Die Brauerei darf nicht Teil eines Braukonzerns sein oder von diesem geführt werden.

Klein: Die Brauerei darf nicht mehr als circa 10 Mio. Hektoliter pro Jahr fertigen.

 

Craft-Beer in Deutschland

Würden wir diese Richtlinien auf Deutschland übertragen, ein Großteil unserer Brauereien wären Craft-Beer-Brauereien. Selbst die größten Brauereien Münchens fallen in Sachen "Größe" unter die Kategorie "Klein". Und selbstverständlich erfüllen alle Deutschen Biere das Reinheitsgebot! Einzig die geforderte Unabhängigkeit würde mancher Brauerei Sorge bereiten. Selbst Traditionsunternehmen gehören inzwischen weltweit agierenden Braukonzernen an.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist eine deutsche Definition des Begriffs Craft-Beer oder Craft-Brauerei unausweichlich. Selbst mit „Produkt einer kleinen und regionalen Brauerei“ ist uns nicht viel geholfen. Werfen wir einen Blick ins Frankenland – dem Landstrich mit der höchsten Brauerei-pro-Einwohner-Dichte – so wären fast alle fränkischen Brauereien Craft-Beer-Hersteller.

Weder Größe, noch Technik oder Fertigung ist in Deutschland entscheidend für das Label „Craft-Beer“. Vielmehr geht bei der Idee des „craftens“ darum, etwas Neues zu schaffen und gleichwohl die Tradition zu ehren. Craft-Beer in Deutschland ist der Versuch, die Wurzeln der Braukunst und Bierherstellung zu erhalten und gleichzeitig neue Aspekte, Ideen und auch Geschmacksnuancen mit einzubinden. Craft-Beer ist eine Liebeserklärung an ein Genussmittel und eine Liebeserklärung an die Vielfalt der Herstellung des Selbigen – kreativ, ehrlich, menschlich und ein klein wenig verrückt.

2. Ein Trend? Eine Lebenseinstellung!

Die Idee oder die Philosophie hinter Craft-Beer ist nichts Neues. Bereits in den Achtzigern sagten Kleinst-Brauereien den Brau-Riesen den Kampf an und versuchten, die Bier-Welt zu verbessern. Das Strohfeuer verging schnell und es dauerte nochmals 20 Jahre. Zur Jahrtausendwende war die Zeit gekommen. Im Dunstkreis der Slow-Food-Bewegung und der amerikanischen Bio-Bewegung konnte sich auch Craft-Beer als Augenblick festsetzen. Regionale Produkte, traditionelle Herstellung und transpartene Betriebe sorgten auf beiden Seiten des Atlantiks für ein Umdenken seitens des Verbrauchers.

Die Idee hinter Craft-Beer, Slow-Food oder Cold-Brew-Coffee ist die gleiche. Es geht darum, sich mit der Herkunft und dem Wert des Lebensmittels auseinanderzusetzen. Die Motivation hinter diesen wirklich mutigen Versuchen, das Konsumdenken zu verändern, war nicht mehr als Neugierde und Lebenslust!
 

3. I-P-WAS? IPA – eine kurze Erklärung

Es sind drei Buchstaben, die stets und ständig fallen, setzt man sich mit Craft-Beer auseinander. Sei es beim Einkauf im Bier-Fachmarkt, am Tresen des Szene-Lokals oder einfach nur bei einer hochtrabenden Diskussion über das beste Bier des Aprils – IPA. Das India Pale Ale ist das Vorzeigebier der Craft-Beer-Bewegung. Per Gaumen ist ein IPA ein helles, starkes Bier. In Sachen Geschmack gibt dieses Bier Vollgas! Von intensivem Malz über intensive Hopfen-Noten bis hin zu fruchtigen, beinahe süßen Noten ist beim IPA beinahe alles möglich.

Gerne erzählt man sich die Sage, dass IPAs für die Reise nach Übersee haltbar gemacht werden mussten. Der hohe Alkoholgehalt sollte das Genussmittel für die Seereise fit machen. Oder durch den hohen Alkoholgehalt schlicht und ergreifend Platz zu sparen (nachdem die Ladung gelöscht war, könnte man das „Bierkonzentrat verdünnen). Für diese urban myth gibt es schlicht und ergreifend keinen historischen Beleg. Die Motivation hinter IPA ist fraglich, der Geschmack des stark gehopften Leckerschlückchen ist trotz unklarer Herkunft inzwischen legendär!

 

4. Das Wichtigste! Der Geschmack

Herstellung, Marketing, Kultfaktor – all das ist bedeutungslos, wenn es nicht schmeckt. Die Gretchenfrage: „Schmeckt Craft-Beer?“ Die Antwort in all ihrer Ehrlichkeit: „Ja, nicht jedem. “ Craft-Biere liegen außerhalb des Massengeschmacks. Sie sind machmal herzhaft-malzig (Stout), machmal bitter (IPA), bisweilen sogar süß (Porter). Eines sind Craft-Biere jedoch äußerst selten: „Langweilig“. Über Geschmack und Vorlieben lässt es sich sehr schön streiten und Craft-Biere sind ein herrlicher Zankapfel in Sachen Geschmack und Genussgewohnheiten!  

 

5. Bier und Craft-Beer – die Bier-Familie

 
Für jeden, der sich nicht Biersommelier oder Brauerei-Student nennen darf – und das sind wohl 99% der deutschen Biertrinker – geht es einzig und alleine um die Frage „Schmeckt es mir oder schmeckt es mir nicht?“.

Ob das Craft-Bier die Schaumkrone der Hopfenkaltschalt ist oder nicht, darüber sollte jeder für sich selbst entscheiden. Vergleicht man Mainstream- und Craft-Biere miteinander, so vergleichen wir Äpfel mit Birnen. Die Mainstream-Biere sind so gestaltet, dass diese einem normalen deutschen Gaumen munden. Spricht geschultes Personal etwa dem Bier einer großen Münchncher Brauerei jedwedes Aroma ab, so ist genau dieses Bier eines der beliebtesten im Freistaat.
Diese Biere schmecken natürlich nicht schlecht, sie schmecken schlicht jedem.

Craft-Biere nähern sich dem Markt anders. Sie sollen nach etwas schmecken und dies bedeutet zwangsläufig – sie schmecken nicht jedem. Um es mit einem Weinvergleich zu sagen. Zu mancher Pasta ist der eiskalte Lambrusco eine Offenbarung und für manchen Moment der Hingabe ist es ein Franzose aus dem Jahre 1967.




Ob Craft-Beer-Fan, Kostverächter, Nährbiertrinker oder Asket: in unserem Lande soll jeder nach seiner Façon zufrieden und undurstig leben dürfen! Wir erheben das Glas und wünschen, „Wohl bekomms, Prost und zum Wohle!“.